Cabrios, Kampfpanzer oder Pick-Ups für die Bundeswehr?
Die „Zeitenwende“ ist eingeläutet. Eine Konversion rückwärts wird an vielen Orten sichtbare Marken auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit schaffen: Krankenhäuser werden Lazarette, zivile Fabriken rüsten auf Waffenproduktion um, Bahnstrecken werden zu Truppentransportrouten, Offiziere mobilisieren im Schulunterricht, Softwareschmieden erstellen tödliche Programme, Autobahnen dienen dem militärischen Aufmarsch, Hochschulen streichen ihre Zivilklauseln (wenn vorhanden) und forschen für den Krieg.
Im Volkswagen-Werk Osnabrück, mit 430.000 m² der zweitkleinste VW-Standort Deutschlands, steht die Produktion vor dem Ende. Die Fertigung der Porsche-Modelle läuft 2026 aus, und Mitte 2027 rollt der „letzte Strohhalm“ des Standorts, das VW T-Roc Cabriolet, vom Band. Die aktuelle Werksauslastung liegt bei nur noch 18 %. Dieses Auslaufen der zivilen Produktion reißt ein industrielles Vakuum in die Wirtschaftsstruktur der Stadt und bedroht Tausende von Arbeitsplätzen – 2.000 feste Mitarbeiter, 700 Leiharbeiter und Tausende weitere bei Zulieferern (insgesamt 3.000-10.000).
In dieses Vakuum trat 2025 ein neuer Akteur, der die tiefgreifenden Verschiebungen der deutschen Politik symbolisiert: der Rüstungskonzern Rheinmetall. Dessen Vorstandsvorsitzender, Armin Papperger, bestätigt offen das Interesse an dem Standort. Sollte der Konzern zusätzliche Kapazitäten benötigen, sei Osnabrück „natürlich auch im Spiel“. Rheinmetall zögert jedoch. Die Hürden sind „hohe Umbaukosten“ und die skeptische Einschätzung Pappergers, die Anlagen seien „nicht wirklich für ein Rüstungsunternehmen geeignet“. Eine Übernahme käme daher nur unter der „notwendigen Bedingung“ zustande, dass der Bund „sichere Aufträge“ garantiert.
Der letzte große Auftrag, für den Rheinmetall das VW-Werk in Osnabrück nutzen wollte, ein Folgemodell des Transportpenzer „Fuchs“ ging nicht an Rheinmetall, sondern das finnische Unternehmen Patria.
Die Gegenüberstellung ist plakativ und symbolträchtig: Wo heute ein Lifestyle-Cabriolet als Symbol der „Friedensdividende“ produziert wird, könnte morgen der Schützenpanzer „Lynx“ als Symbol der „Zeitenwende“ gefertigt werden
Der mögliche Wechsel von Cabrios zu Panzern ist jedoch mehr als ein bloßer Produktwechsel. Er ist ein tiefgreifender symbolischer Akt, der den Wandel einer Volkswirtschaft repräsentiert, die sich von der Produktion ziviler Konsumgüter hin zu einer priorisierten Rüstungsproduktion bewegt. Das Ende der zivilen Aufträge schafft die Notwendigkeit für eine Alternative. Die nationale „Zeitenwende“ liefert die Nachfrage nach Rüstungsgütern. Das VW-Werk Osnabrück wird so zum physischen Schauplatz, an dem eine abstrakte politische Doktrin zu einer konkreten industriellen Realität wird.
Aktuell sind Forschungs- und Entwicklungsgruppen im Osnabrücker VW-Werk gerade dabei, in Eigenregie neue Produkt-Vorschläge zu entwickeln: Zuletzt wurden auf der Rüstungsmesse Enforce Tac zwei Prototypen vorgestellt: der MV.1 („kann schnell und effektiv eingesetzt werden und zum Beispiel kleinere Fahrzeuge wie Quads transportieren“) und der MV.2 („vollwertiger, mobiler Arbeitsbereich für die Einsatzleitung, aber auch für medizinische und logistische Aufgaben“)
In den nächsten Monaten wird in Osnabrück eine Entscheidung fallen für:
- eine endgültige Schließung der Industrieanlagen von VW Osnabrück
- deutlich wahrscheinlicher: Rüstungsproduktion bei VW Osnabrück, entweder von VW selbst oder anderen Firmen (aktuell wird mit mindestens einem anderen Rüstungshersteller verhandelt)
- wenn wir es schaffen, die Stimmung zu kippen: eine sozial und ökologisch verträgliche Zukunft.

Kontext: Der Sozialstaat wird abrasiert
Die Debatte um die Zukunft des VW-Werks findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist eingebettet in eine fundamentale Neuausrichtung der deutschen Staatsprioritäten. Die These eines direkten Antagonismus zwischen „Aufrüstung vs. Sozialstaat“ bildet den Kern dieser nationalen Debatte. Ein Vergleich der Bundeshaushalte 2026 und 2029 zeigt eine massive Expansion der Verteidigungsausgaben, die – insbesondere durch das 100-Milliarden-Euro-„Sondervermögen“ – den Militärhaushalt auf ein Niveau mit dem Sozialetat heben oder diesen perspektivisch sogar übersteigen könnten.
Die Konsequenz dieser Priorisierung, sind Sozialkürzungen.
„Als Koalition haben wir mit der Einführung einer Neuen Grundsicherung den notwendigen Systemwechsel vereinbart. Diese Reformen müssen im Herbst kommen“
(CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann)
Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.
(Friedrich Merz)
Diese Rhetorik zielt darauf, den Sozialstaat abzubauen, während Rüstungsausgaben stetig steigen.
„Wer glaubt Politik in anderen Bereichen machen zu können, ohne etwas mit diesen Rüstungs-, Militär- und Geopolitik-Fragen zu tun haben zu müssen, hat sich spätestens nach dem Beschluss über die de facto 1 Billion Euro für Infrastruktur und Rüstung geschnitten. Die Dimension der beiden Pakete ist so enorm und so umfangreich, dass bei jeder anderen politischen Frage, die etwas mit Finanzierung und politischen Prioritäten zu tun hat, und welche hat das nicht, dieses Billionen-Paket im Raume steht. Es ist eine Entscheidung, die aufgrund der großen Dimension mehrere Generationen betreffen wird.“
(Informationsstelle Militarisierung)
Was wäre wenn…? Rüstungsausgaben und zivile Zwecke im Vergleich:


(Quellen zu den Zahlen hier.)
Waffen liefern die Reichen, die Armen die Leichen.
Jede Kanone, die gebaut wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel gelassen wird, jede abgefeuerte Rakete bedeutet letztlich einen Diebstahl an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, denen, die frieren und keine Kleidung haben. Eine Welt unter Waffen verpulvert nicht nur Geld allein. Sie verpulvert auch den Schweiß ihrer Arbeiter, den Geist ihrer Wissenschaftler und die Hoffnung ihrer Kinder.
(Dwight D. Eisenhower)
Und wofür? Für die Verteidigung von Privilegien, für die Sicherung von Profitquellen und Unterdrückung der Ausgebeuteten. So ist es auch bei der aktuellen Aufrüstung: Mit U-Booten, Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen soll nicht Deutschland verteidigt werden (U-Boote im Bodensee???), sondern eine solche Kriegsausstattung dient dem Angriff – und zwar nicht auf Russland, sondern auf die Rohstoffquellen, die Europa ständig braucht angesichts des ruinösen Verbrauchs von Ressourcen. Russlands brutaler und imperialer Krieg gegen die Ukraine ist unerträglich, für die NATO aber nützlich, um die gewünschte Aufrüstung und Vorbereitung bzw. bereits Praxis neuer neokolonialer Verteilungskämpfe durchzuführen. Die Abbildung zeigt die prozentuale Abhängigkeit Europas von Rohstoffen aus der weiten Welt. So wird erkennbar: Ohne gesicherte Quellen kann Europa seinen Reichtum nicht halten. Doch ohne Militär gäbe es keine Absicherung – und daher wird aufgerüstet, mit Waffengattungen, die weltweit einsetzbar sind.
Da viele Rohstoffe aus Asien Richtung Europa kriegsbedingt oder wegen des Erstarkens vieler Länder zu eigenen Weltmächten nicht mehr so billig abzugreifen sind, wird es für Europa vor allem um den Zugriff auf Afrika und die wegen des Klimawandels an die Oberfläche kommenden Bodenschätze auf Grönland und der Arktis gehen. Die Kämpfe darum sind längst im Gange. Deutschland baut unter anderem seine Militärpräsenz passend auf Island aus – ein eigentlich militärfreies Land. Doch für das rohstoffhungrige Europa kann es das Sprungbrett zu den Rohstoffen des hohen Nordens werden. Auch das absurde Ringen zwischen US- und europäischen Regierungen um Grönland (und über deren Köpfe hinweg) zeigt, worum es den imperialen Mächten geht.
Daher: Wer gegen die innere und/oder äußere Aufrüstung kämpft, sollte vor allem mit diesen Zielen der Aufrüstung argumentieren – statt sich auf das Glatteis des von zwei widerlichen Seiten geführten Ukrainekrieges zu begeben. Den zu beenden und die treibenden Mächte zu entmachten, bleibt zwar wichtig – jeder Tag und jedi Tote dort ist eine zu viel. Aber die derzeitige Aufrüstung dient anderen Zielen. So dreckig der Ukrainekrieg schon an sich ist, so widerlich ist es, das Gemetzel zur Gehirnwäsche zu nutzen.
Osnabrück, die „Friedensstadt“?

“Aus der Tradition der Stadt des Westfälischen Friedensschlusses fühlt sich Osnabrück der Förderung des Friedensgedankens und der Friedenssicherung in besonderem Maße verpflichtet.”
(Webseite der Stadt: friedensstadt.osnabrueck.de)
Die Debatte um Rheinmetall trifft den Kern der städtischen Identität. Der Konflikt ist nicht nur moralisch, sondern institutionell und existenziell. Eine Stadt, die die zentrale deutsche Stiftung zur Verhütung von Krieg (DSF) beherbergt, kann nicht gleichzeitig, ohne massive Glaubwürdigkeitsverluste, eine Fabrik zur Produktion von Panzern beherbergen.
Der Versuch von Oberbürgermeisterin Pötter, die Panzerproduktion als Beitrag für Frieden und Sicherheit zu adeln, ist der politische Versuch, diese Dissonanz aufzulösen. Die Analyse zeigt jedoch, dass dies eine semantische Unmöglichkeit ist. Die Stadt würde mit der einen Hand (DSF, Remarque-Preis) den Frieden erforschen und preisen, während sie mit der anderen Hand (Rheinmetall-Werk) vom Krieg profitiert.
Dies untergräbt die Glaubwürdigkeit aller Friedensbemühungen der Stadt. Die internationale Glaubwürdigkeit wäre gefährdet, da die Waffenproduktion für Kriege das Friedensprofil konterkariert.
Die Kernidentität Osnabrücks basiert auf Diplomatie und ziviler Konfliktlösung; die Rüstungsproduktion pervertiert diese Grundlage. Diese „Marke“ hat einen unschätzbaren immateriellen, aber auch konkreten Wert: Sie prägt das kulturelle Leben, zieht Studierende an die Universität und stellt ein soziales und kulturelles Kapital dar, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde.
Und die Gewerkschaften?
Nie wieder Krieg, das haben sich die Gewerkschaften eigentlich geschworen. Noch immer hat die IG Metall in ihrer Satzung stehen, dass Abrüstung ein Kernziel ihrer Aktivitäten sein soll.
§ 2 Aufgaben und Ziele der IG Metall
Sie setzt sich […] für Frieden, Abrüstung und
Völkerverständigung und den Schutz der natürlichen Umwelt zur Sicherung der Existenz der Menschheit ein.
Davon ist leider nicht mehr viel zu sehen. Überall wo zivile Industriebetriebe auf Rüstungsproduktion umstellen, klatscht die IG Metall Beifall:
Wenn auf dem Alstom-Gelände in Görlitz auch in Zukunft produziert wird, ist das eine Riesenchance für die Region, der wir uns nicht verschließen. – Uwe Garbe (1. Bevollmächtigter IGM Ostsachsen zu Umbau von Zug- zu Panzerfabrik)
Deutschland und Europa brauchen ein industriepolitisches Konzept zur Stärkung der SVI und zum Aufbau und zur Entwicklung eigener leistungsfähiger Verteidigungssysteme in den Dimensionen Land, Luft und See. Positionspapier Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (Verfasst von IGM, SPD und Rüstungsindustrie)
Jetzt ist es im Interesse der Beschäftigten der Rüstungsindustrie, dass diese bereitgestellten Millionen in der deutschen Rüstungsproduktion und nicht im Ausland ausgeben werden. – Marc Sievers (Pressesprecher IGM Berlin, Brandenburg, Sachsen)
Den jetzigen Vorstoss [des gigantischen Aufrüstungsprogramms] begrüssen wir daher klar – Christiane Benner (1. Vorsitzende IG Metall)
In Osnabrück ist der Ton der selbe. Anfang 2025 hörte man noch leise kritische Töne von Stephan Soldanski, 1. Bevollmächtigter IGM Osnabrück. Damit ist aber längst Schluss:
„Was wir brauchen, ist aber eine wirtschaftlich tragfähige Lösung. Und da zeigt die Realität: Viele Industrieunternehmen bauen Arbeitsplätze ab oder verlagern sie. Zusammen mit den Vertrauensleuten und dem Betriebsrat kämpfen wir dafür, unsere Industriearbeitsplätze zu erhalten. Und Rüstung ist ja nicht gleich Rüstung. […] Das ist aktuell ein wachsender Markt.“– Stephan Soldanski (1. Bevollmächtigter IGM Osnabrück)
Es braucht aber auch insgesamt ein politisches Gesamtkonzept für die Wirtschaft, das den Local Content Gedanken – also „made in Germany“ – mehr in den Vordergrund stellt und in Wertschöpfungsketten denkt. – Stephan Soldanski oder AfD?